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Rainer Raczinski: »Urban Stages«

Eröffnung:16. Januar 2009
Ausstellungsdauer:16.01.2009 - 11.03.2009
Öffnungszeiten:Mo-Fr.: 10.30 - 19.30 Uhr
Sa.: 10.30 - 18.00 Uhr
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»Melancholie der Zeit - über die Fotografien von Rainer Raczinski«

In Wahrheit spiegelt die Kunst den Zuschauer, und nicht das Leben. (Oskar Wild)

Eine wunderbare, gleichsam schwermütige Erzählung hat W.G. Sebald in seinem 1995 veröffentlichten Buch „Die Ringe des Saturn“ erschaffen. Darin gibt er einen Reisebericht, der uns in die Gegend von Suffolk in Ostengland führt. Über mehrere Assoziationen wandern wir mit dem Ich-Erzähler (ist es Sebald?) in dieser merkwürdigen Landschaft herum. Jener Erzähler berichtet zunächst von einem Krankenhausaufenthalt und dem Blick aus dem Fenster des alten Hospitals, dann besichtigt er mehrere Ortschaften in Suffolk, beschreibt viktorianische Schlösser, die in früherer Zeit glanzvolle Häuser waren, nun aber ein Dasein des Vergessens führen.

Sebalds Sprache ist ungeheuer bildhaft, dennoch aber merkwürdig distanziert, ja fast emotionslos. Nie weiß man tatsächlich, was Fakt und was Fiktion ist. Obwohl er, wie zum Beweis des Erlebten, immer wieder Bildmaterial zwischen die Textpassagen schiebt, traut man diesen Aufnahmen und auch den Geschichten nicht, denn sie wirken wie heraus gefallen aus der Zeit. Was bleibt, von dieser literarischen Reise, ist eine melancholische, ja fast schon kulturpessimistische Stimmung.

Die verrinnenden Jahre scheinen in Sebalds Bericht die eigentlichen Triebkräfte. Und tatsächlich sind sie die verborgenen Autoritäten, der die Menschen und ihre Beziehungen, der die Architekturen und Räume gnadenlos untergeordnet sind. W.G. Sebald starb im Jahre 2001 bei einem Autounfall. Viele seiner Leser, so auch ich, vermissen ihn und seine analytische, gleichsam traurige Sprache. Würde Sebald noch am Leben sein und würde er sich die auf dem Tisch verstreuten Polaroids von Rainer Raczinski betrachten, ich wäre sicher, er würde sie zu einer fiktiven Erzählung ordnen. Diese müsste natürlich in New York spielen, in den Straßen von Manhattan, auf Coney Island und vor allem in Brooklyn. In Sebalds Schriften, wie in Raczinskis Aufnahmen, sind Stätten und sind Städte die leeren Bühnen. Aber die Akteure haben den Schauplatz soeben verlassen. Oder ist es schon länger her? Zurück bleiben Requisiten und Kulissen. Was man sieht sind urbane Umbrüche. Nie weiß man, aus welchem Jahrzehnt die Fotografien stammen: sind es die 40er, als Amerika siegreich aus dem zweiten Weltkrieg heimkehrte? Sind es die schillernden 50er oder gleißenden 60er Jahre? In der Literatur ist es möglich, mittels der Narration das zeitliche Fließen zu beschreiben. In der Fotografie aber, zählen Motiv und Ausschnitt, wirken Blende und Belichtungszeit. Schillernde Jahrzehnte haben hier schon Patina angenommen, gleißende Lichter sind längst ausgeblichen. So meint man, keine Fotografien in den Händen zu halten, sondern die Erinnerungen des eigenen glorreichen, aber verronnenen Lebens.

Grit Weber

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