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Interview mit Peter Beard

Von Peter Badge
® Peter Badge, Göttingen, Berlin, 15.10.1998

 Peter Beard
Peter Beard, 1938 geboren, zählt heute zu den bekanntesten Wildlife-Fotografen, während er in der Kunstwelt noch eher ein Geheimtip ist. Die Berliner Fotogalerie Camera Work widmete dem in Afrika und Amerika lebenden Lichtbildner und Collagekünstler eine umfassende Retrospektive. Das folgende Gespräch enstand anläßlich seiner Ausstellung in Berlin.
 

© Peter Beard


Wie war Ihr Weg zur Fotografie?

"Weg" ist das entscheidende Schlüsselwort. Ich hatte keine bestimmte Vorstellung, was ich werden wollte, als ich 1945/46 mit sieben begann. Mein erster richtiger Job war 1952 für ein Yacht-Magazin. Als bei einer Regatta 1952 die Schiffe mit Wasser volliefen und sanken, habe ich diese Unfälle fotografiert. Meine Richtung war aber nicht festgelegt. Ich glaube sowieso nicht, daß im Leben irgend etwas wirklich determiniert ist. Die Kunst ist eine Welt, die dich umherwirft. Es dauert sehr viel länger, etwas zu entscheiden. Es ist keine faire Welt. Ich habe mit der Fotografie begonnen, weil ich mir nicht vorstellen konnte, nicht zu fotografieren. Ich habe dann immer weiter fotografiert und werde es auch in Zukunft tun, weil ich es für ein Wunder dieses Jahrhunderts, der letzten 120 Jahren, halte. Ich kann nicht verstehen, warum Menschen nicht fotografieren. Erstens ist es so leicht und zweites, wenn Michelangelo und Leonardo auch eine Kamera gehabt hätten, eine Videokamera, hätte Michelangelo nicht Steine behauen und Leonardo nicht mit peinlicher Genauigkeit gezeichnet.


© Peter Badge: Peter Beard, Oktober 1998

Wie ist das Verhältnis bei Ihnen zwischen freien Projekten und Auftragsarbeiten.?

Alles, was ich tue, mache ich für mich selbst. Ich denke nicht darüber nach, für wen etwas sein könnte. Kennst Du die Jan Galliano - Fotos in der Galerie? Ich habe sie in erster Linie für mich selbst gemacht.

Woher kommen die Ideen?

Meine Ideen kommen von allen Dingen, die ich mag. Ich bin ein sehr selbstsüchtiger Fotograf.

Aber wie ist Ihr Arbeitsprozeß? Gehen Sie spazieren und denken nach, wie Sie als nächstes welche Idee umsetzen könnten?

Nein, das mache ich nie. Gestern waren wir auf einem Konzert und da habe ich ein paar wirklich coole Fotos von den Musikern gemacht. Vielleicht habe ich darüber 10 Sekunden nachgedacht. Normalerweise denke ich über so etwas gar nicht nach. Ich sehe etwas und dann kommt mir die Fotografie in den Sinn.


© Peter Badge: Living sculpture in process, Oktober 1998

Das heißt, Sie planen keines Ihrer Projekte und arbeiten dann über einen längeren Zeitraum daran?

Naja, mein neues Projekt, an dem ich schon seit einiger Zeit arbeite, heißt "Living sculpture". Der Bruder von Steffi Graf, Michael Graf, macht sogar einen Film über dieses Projekt. Ich fotografiere einige "Living sculptures" in der Galerie am Freitag, es sind phantastische Stripperinnen.

Wo leben Sie jetzt?

Ich bin relativ viel in New York, weil dort meine Tochter zur Schule geht und ich viel Zeit mit ihr verbringen möchte.


© Peter Beard: Kamante Gaturra, Karen Blixen's cook in Afrika, 1962

Welches Filmmaterial und Papier bevorzugen Sie?

Natürlich bevorzuge ich das teuerste Papier, den teuersten Printer, das beste Objektiv und die beste Kamera. Aber ich habe es nie! Schau, ich habe diese scheiß Kamera, aber ich habe einige gute Fotos mit ihr gemacht.

Printen Sie Ihre Fotos selber oder haben Sie Assistenten?

Eigentlich sollte ich selber in die Dunkelkammer gehen. Ich habe früher acht bis neun Stunden in der Dunkelkammer verbracht. Jetzt habe ich keine acht, neun Stunden Zeit mehr und deswegen gehe ich nicht mehr hinein. Ich habe zum Glück einige gute Helfer gefunden, die jetzt für mich printen, so wie ich es mag.

Helfen Ihre Assistenten auch bei Ihren Collagen?

Nein.


© Peter Badge: Living sculpture in process, Oktober 1998

Lassen Sie immer das gesamte Negativ printen oder sind Ausschnittsvergrößerungen erlaubt?

Nein, immer das ganze Negativ.

Ist es wichtig für Sie, daß man Sie als Künstler anspricht und Ihre Arbeit als Kunst bezeichnet?

Nein, denn ich bin der Auffassung, daß die Menschen nicht darüber nachdenken, wie sie dich ansprechen. Ich halte es für einen großen Fehler, das Wort "Künstler" zu gebrauchen. Man kann es für Picasso und dergleichen benutzen, aber sonst nicht. Ich persönlich glaube nicht, daß die Fotografie eine Kunst ist. Dazu ist sie zu technisch und zu einfach. Fotografie ist nicht mehr als ein Hobby. Sie kann mitunter künstlerische Aspekte beinhalten. Ich habe meiner 10jährigen Tochter beigebracht zu fotografieren. Sie macht die gleichen Fotos wie ich!


© Peter Badge:Living sculpture in process, Oktober 1998

Haben Sie schon einmal probiert, mit digitaler Fototechnik zu arbeiten?

Nein, keine Computer, keine Tricks. Hätte ich Zugang zu einem Computer, könnte ich meine Originale ins Feuer werfen. Aber ich habe keinen!

Haben Sie Vorbilder?

Ja. Meine größten Vorbilder im Moment sind alle Frauen, Diane Arbus, Sally Mann, Nan Goldin. Beinahe alle Frauen finde ich gut zur Zeit. Natürlich mag ich auch Jacques-Henri Lartigue sehr. Er hat mein Porträt gemacht. Ich war bei seinem 80sten Geburtstag. Ich mag ihn und seine Arbeit sehr. Schon seine frühen Arbeiten waren großartige künstlerische Kompositionen. Das gleiche gilt für Margaret Cameron.


© Peter Beard Photo - I'll write whenever I can, 1995

Mögen Sie auch die Show von Nan Goldin, die ja völlig konträr zu ihren Ausstellungen ist?

Nein, du hast Recht. Die Show ist langweilig, sie ist bullshit. Sie ist zu kommerziell aufgezogen, das kommt, weil sie von der Galerie organisiert ist. Aber ihr Buch finde ich großartig. Ein generelles Problem ist, daß viele Menschen zwar visuelle Interessen haben, ihr einziges Interesse an der Fotografie beschränkt sich allerdings häufig darauf, die Fotografie in die kommerzielle Ecke zu drängen, um so aus ihr Geld zu schlagen. Die Fotografie repräsentiert für viele Leute nur Geld.

Sind Sie nicht interessiert, Ihre Bilder zu verkaufen?

Nun, meine Bilder wurden nie verkauft. Alle meine Ausstellungen waren Verkaufsausstellungen, und nichts wurde verkauft. Paris, Centre National de la Photographie, nichts wurde verkauft; Mailand, Plazza Royal, nichts wurde verkauft, und so weiter. 1996 wurde ich dann von einem Elefanten getreten, und der Helfer, der mich darauf aus Afrika ausgeflogen hat, ist jetzt mein Agent. Er hat einige meiner Collagen verkauft und organisiert jetzt meine Ausstellungen.


© Peter Badge: Living sculpture in process, Oktober 1998

Aber zurück zur Ihren weiblichen Vorbildern. Zählt Annie Leibovitz auch dazu? Sie hatten einige gleiche Motive, wie Mick Jagger und Kompanen et cetera.

Nein. Ich mag sie. Sie ist eine gute Freundin. Es stimmt, wir waren beide 1972 auf der Stones-Tournee dabei. Aber sie betreibt celebrity photography, und celebrity photography ist bullshit in meinen Augen. Annie macht gute Magazinfotografie, aber es ist eben Magazin-Auftragsfotografie. Das ist nicht mein Ding.

Und wie stehen Sie zu Künstlern wie Gilbert & George? Geht das nicht in Ihre Richtung?

Ja, aber ich denke, Sie machen wirkliche Kunst.


© Peter Beard: Collage-City

Aber sie gefällt Ihnen?

Manchmal. Das Problem ist, es sieht häufig aus wie gezielt produzierte Kunst. Ich mag es nicht, Kunst zu produzieren. Ich vermeide es, bewußt Kunst herzustellen. Ich bin zur Kunstakademie gegangen. Ich habe die Kunst inzwischen satt. Mein ganzes Leben war geprägt von der Flucht vor der Kunstakademie. Kunstakademie lehrt einen genau das Gegenteil von Kunst. Ich bin kein Mensch, der darunter leidet. Ich bin nur der Auffassung, man soll Dinge einfach tun und ausprobieren, ohne viele Gedanken vorher darüber zu verschwenden. Ich akzeptiere die großen Künstler wie Andy Warhol, Duchamp, Francis Bacon, Picasso, Rauschenberg. Sie sind alle großartige Künstler, aber es sind sehr sehr wenige. Meine persönliche Definition von Kunst ist: Alles was schön und lebendig ist, ist Kunst!


© Peter Badge: Peter Beard, Oktober 1998

Stimmt es, daß Sie mit Helmut Newton zusammengearbeitet haben?

Oh, ich liebe sexuelle Fotografie. Ich bin so gelangweilt von seriöser Fotografie. Es gibt so seriöse Fotografie, da möchte man sterben, wenn man die Bilder sieht. Helmut ist ein netter Bursche. Wir haben ein einziges Mal zusammengearbeitet. Es ist jetzt 36 Jahre her. Es war ein Auftrag für die American Collection in New York mit Uma Thurmans Mutter und Gene Simpson. Außerdem bin ich für Helmut Newton ins Gefängnis gekommen. Ich habe für Victorian eine Reportage über die Dynamik einer Krokodil-Population an einem See gemacht. Während dieser Reportage bin ich in ein Krokodil gekrochen, um auf die extremen Lebensumstände unserer Zeit aufmerksam zu machen. Helmut gefiel das Bild sehr, und er schickte mir darauf einen Katalog mit Opernsängern in Krokodilen. Ich wurde darauf in Afrika verhaftet und mein Besitz beschlagnahmt, weil man glaubte, ich würde mit obszöner Literatur handeln.


© Peter Beard: Picasso @ Frejus with Lucien Cleraue, August 1964

Vielen Dank für das Gespräch!

©Peter Badge, Berlin, 15.10.1998


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